Weibliche Realität Vs. Männliche Selbstverständlichkeit : Warum Wir über sexuelle Belästigung reden müssen!

15.10.17


Irgendwann fing es an, Teil vom Alltag zu sein. Manchmal beim Laufen auf der Straße, unregelmäßig aber zu oft beim Weggehen. Bei der Fahrt danach im Bus oder auf dem Nachhauseweg: die Selbstverständlichkeit, dass ich reduziert werden könnte. Dass ich mich unwohl fühle. Dass sich dieses Unwohl sein zu kurzen Furchtschüben steigert. Weil eventuell einer kommt und denkt, es sei nur eine Masche. Weil er denkt, ich fände das gut. Tatsächlich finde ich es widerlich. Erbärmlich. Respektlos. Sie macht mir Angst, diese zum Kotzen allgegenwärtige Selbstverständlichkeit, dass ein Mann sich mir nähert, ob verbal, durch Mimik und Gestik oder körperlich, ohne dass ich ihn dazu auffordere.

Sexuelle Belästigung ist etwas, das jede Frau früher oder später auf verschiedenste Weisen erfährt. Schleichend, latent oder drastisch. Ich war 17, als ich zum ersten und letzen Mal von einem Mann als „Mädchen, das es gerne dreckig mag“ bezeichnet wurde. Ich ging nicht darauf ein. Er redete immer weiter. Warum ich mich unter meiner Kapuze verstecke, ich sei doch viel zu schön. Er erzählte etwas von der russischen Zarin, die auch so schüchtern gewesen sei aber eigentlich "ein durchtriebenes Miststück" war. Sowas mag er. Zu mir sprach ein erwachsener Mann. Nachts um 1 Uhr in einem vollen Bus. Ich weiß noch, dass ich Angst bekam, er würde mit mir fahren, bis ich ausstieg. Ich überlegte, wen ich anrufe, sollte er mir folgen. Ich schaute mich um, ob ich jemanden im Bus kannte. Er muss noch etwas Widerliches zu mir gesagt haben, denn ich entgegnete: „Fick dich“. Was er daraufhin zu mir sagte, begleitete mich lange: „Das werden wir schon sehen, wer hier wen fickt.“ Danach rannte er aus dem Bus. Ich sah ihn nie wieder. In den nächsten Monaten fuhr ich keinen Nachtbus mehr.

Bloß nicht den männlichen Stolz verletzen - Unserer hingegen darf leiden


In den folgenden Jahren wurde ich als „frigide Schnepfe“, „hässliche Fotze“ oder, wie zuletzt, 20 Meter vor meiner eigenen Haustüre als „Schlampe, die ihren Rock hoch ziehen soll und sich für 10 Euro ficken lassen darf“. Da sind unzählige Hände, die sich schon an meiner Hüfte vergriffen haben, um sich vorbei zu grapschen, wenn es eng ist. Da sind hunderte Paar Augen auf meinem Gesicht, die nach Gier stinken, um die ich nicht gebeten habe. Ich kann die bösen Blicke nicht mehr zählen, die ich austeile, um zumindest ein kleines bisschen Macht zu demonstrieren. Um eine erste Grenze zu ziehen, in der Hoffnung, dass das abschreckt. Manche Männer sehen das jedoch als idealen Aufhänger einen ersten (von mir ungewollten) Kontakt herzustellen. „Schau doch nicht so grimmig“ , „Lächel doch mal, Süße“, „Wenn du lachst, siehst du viel schöner aus“. Warum um alles in der Welt meint ein Mann, er darf mich ansprechen ohne dass ich mit irgendeiner Geste so etwas signalisiert habe? Und wieso bitte erlaubt er es sich, mir sagen zu müssen, was hübsch an mir sei? Halte deinen verdammten Mund.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Orte wie eine Bar oder ein Club bei Männern einen Freifahrtsschein auslösen. Der Gang zur Toilette, an der Bar vorbei, wo die wartenden Hähne gockeln und ich innerlich bete, dass sie ins Bierglas glotzen anstatt auf mich. Die meisten bleiben stumm. Weil sie keine Interesse haben, weil sie zu den Guten gehören. Oder sie würden gerne, aber haben den Anstand und wissen, dass es so nicht zu laufen hat. Nur dann und wann passiert es eben doch, dass ich mit neutralem Gesichtsausdruck an einem Mann vorbeilaufe, der in diesem Moment meint, er müsse mit einem Spruch meine Aufmerksamkeit erwecken. Bleibe ich still, presse die Lippen zusammen und wage einen Blick in die andere Richtung, kann es sein, dass der Gute verletzt ist. Dass er anfängt, laut zu werden. Dann fallen verbitterte Worte und am Ende klebt mir ein „Zicke“ auf dem Rücken und ich laufe weiter. Manchmal steht da statt dessen „Schlampe“, „Bitch“, „Blöde Kuh“ und ich nehme das hin, weil es irgendwie schon normal geworden ist, dass ich manchmal so bezeichnet werde. Er lenkt seinen Blick aufs Bierglas und wartet auf eine neue Gelegenheit. Dann wird die nächste Frau vom Klo kommen und wahrscheinlich als ein weiteres Schimpfwort an ihren Platz gehen.

Das ein oder andere Mal schieße ich zurück. Weil ich mir meinen Stolz nicht von einem fremden Mann nehmen lasse, der frustrierter Single ist und meint, er könne bei mir irgendwas erreichen. Viele von Euch haben das sicher auch schon gemacht: zurück kontern. Nicht selten wird man dann nochmal beschimpft. Ist ja auch logisch: Ich als Frau habe durch meine bloße Anwesenheit schließlich klar gemacht, dass ich (selten dämlich) angesprochen werden möchte. Und natürlich ist es unglaublich frech von mir, nicht auf seine Avancen einzugehen. Ich bin doch an ihm vorbeigelaufen, auch wenn ich ihn gezwungenermaßen passieren musste. Das entschuldigt natürlich vollkommen seine verbale Entgleisung, etwas Nachsicht muss hier schon walten. Dass ich mich daraufhin nicht versöhnlich und emphatisch zeige, mich nicht zu ihm stelle und aus purem Mitleid zu ihm spreche, sondern stattdessen das Wort ergreife: Respektlos. Er wusste es doch sofort: Zicke.

Sexuelle Belästigung ist ein individuelles Empfinden - wo also beginnt sie?


Wenn ich in die Runde fragen würde, welche Frau schon eine fremde Hand auf ihrem Hintern oder auf der Brust hatte, wäre die Antwort wahrscheinlich steil gegen 100%. Im Normalfall passieren solche Vorfälle nicht so oft wie verbale Belästigungen, doch selbst eine einzige dieser ungewollten Berührungen ist eine zuviel. Niemals darf ein Mann eine Frau ohne ihre Erlaubnis mit Absicht anfassen. Als das einer Freundin beim Weggehen passierte und sie mir davon erzählte, lief ich dem Täter hinterher. Ich stellte ihn zur Rede und seine Antwort war: „Hat sich deine Freundin wohl nicht her getraut?“ Natürlich nicht. Er war ein wildfremder Mann, der sich ihr ungewollt und aus dem Nichts mit seiner Hand an Ihrem Körper näherte. Denke ich daran und an die vielen anderen Hände, die sich an Frauen vergehen, wird mir schlecht. Hinterher streiten sie es ab oder sprechen von einem unabsichtlichen Zufall. Natürlich. Alles andere würde einem Geständnis gleichkommen, was bedeutet, dass sie sich ihrem widerlichen Fehlverhalten durchaus bewusst sind.

Ich frage mich oft, wo ich die Grenze ziehen soll. Was ist noch Anmachen und wo beginnt die sexuelle Belästigung? Alleine das Wort ‚Anmachen‘ impliziert doch bereits irgendeine sexuelle Absicht, die eine Gratwanderung zwischen Flirten und Belästigung werden kann. Manches davon wird als „nicht so schlimm“ abgetan. Viele sehen solche verbalen Attacken nicht einmal als Belästigung an, sondern führen es auf Vollidioten zurück, die nichts in der Birne haben. Diese Art der Verharmlosung macht mir Sorge, denn genau das ist eine der Ursachen, warum wir Frauen uns immer wieder Situationen aussetzen müssen, die uns degradieren, beschämen und beklemmt zurück lassen. Auch wenn etwas „nicht so schlimm“ ist, ist es dennoch schlimm. Noch ernster wird es, wenn die Härte zunimmt. Wenn ein Mann mich verbal als „Schlampe, die mal so richtig durchgefickt werden sollte“ beschimpft und danach einfach weiterläuft. Ich fühle mich von ihm missbraucht. Denn alleine die Tatsache, dass er so etwas ausspricht, wenn er mich sieht, zeigt seine Gedanken. Sein Kopfkino. Aber auch seine aus dem Mund stinkende Frustration. Am Ende degradiert er nicht nur mich sondern sich selbst noch viel mehr. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die diese Worte von ihm hören musste. Weil solche Männer nicht selten Wiederholungstäter in ihren Verhaltensmustern sind.

Verharmlosung? Rückzug? Die Reaktion auf sexuelle Belästigung scheint schwierig


Ab und an sage ich mir, dass es noch viel schlimmer kommen kann. Dass aus verbaler Belästigung ein körperlicher Übergriff werden könnte. Tatsachen wie Nötigung und Vergewaltigung spielen in jede Art der sexuellen Belästigung mit rein und sind Teil der daraus resultierenden Furcht, die wir als Frauen in uns tragen. Wie oft wechsle ich die Straßenseite, wenn ich eine Männergruppe von Weiten sehe. Das Handy in der Hand - nur für den Notfall. Den Schlüssel griffbereit - nur, falls was wäre. Kommt Euch das bekannt vor? Und findet Ihr nicht auch, dass man sich als Frau fast schon daran gewöhnt hat, immer den Scan anzuhaben, ob irgendwo was nicht ganz koscher ist, sobald es dunkel draußen wird? In vielen Gesprächen mit anderen Frauen heißt es bei diesem Thema hin und wieder, dass es nicht gut sei, sich so viele Gedanken darüber zu machen. Weil es die Angst vor einem Übergriff nur größer macht. Zeitweise habe ich mir das auch so gesagt. Wirklich besser hat es sich aber nicht angefühlt. Einmal fiel der Satz: „Damit musst du als Frau eben leben“. Ja, vielleicht muss ich das, aber ich meine, dass der Umgang mit den Unsicherheiten, die Frauen durch die Handlungen bestimmter Männer empfinden, nicht mit Akzeptanz relativiert werden darf! Sich zuhause einzuschließen oder abends nicht mehr das Haus zu verlassen ist genauso wenig eine Option. Es sendet das gänzlich falsche Signal der männlichen Kontrolle über unsere Freiheit. Ich will auch nie wieder hören, dass ein anzüglicher Spruch aus zuviel Bein zeigen resultiert. Aber diese verquere und sexistische Denkweise aus dem Kollektivhirn zu verbannen wird alleine schon durch das beschränkte Urteilsvermögen vieler Leute verhindert.

In gewisser Weise bin ich ratlos. Das Respektgefälle zwischen den Geschlechtern macht mich wütend und die primitive Art und Weise vieler Männer fassungslos. All diese Wörter, Sprüche und Absichten, die mir und uns allen im Lauf des Lebens ins Gesicht geknallt werden, die wir aushalten und versuchen, mit Stolz zu übergehen. Ich stehe immer wieder vor der Entscheidung, ob ich es runterspiele, um dem ganzen damit die Bedeutung zu nehmen und mir Ärger und Unbehagen zu ersparen. Das ist vielleicht bis zu einem gewissen Grad auch gut so - um mir im Umgang mit Männern im Allgemeinen oder beim Weggehen nicht die Leichtigkeit zu nehmen. Ich merke aber, dass ich über die Jahre und die schlechten Erfahrungen eine gewisse Grundskepsis Männern gegenüber entwickle. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich fast schon auf der Lauer liege, dass das männliche Gegenüber sich unangebracht verhält und ich mich in meiner Meinung bestätigt fühle. Ich entwickle Vorurteile, die ich nicht denken möchte. Dann bin ich am Ende nicht besser als das oben genannte Kollektivhirn, das nicht differenzieren kann.

Passivität ist toxisch und sendet eine gefährliche Botschaft


Und nun? Dass sexuelle Belästigung irgendwann aufhört, fühlt sich für mich utopisch an. Die Sache mit dem fehlenden Respekt vor unserem Geschlecht zeigt sich ja nicht nur auf drastische Weise, sondern sickert langsam aber stetig durch und zwingt uns über Hürden zu springen, die wir als solche gar nicht mehr wahrnehmen. Weil es schon immer so war. In Bezug auf sexuelle Belästigung aber braucht es besonders viel Mut und nicht immer haben wir die Chance, uns dagegen zu wehren. Weil es die Mühe nicht wert ist. Aus Überzeugung, dass uns nicht geglaubt wird. Aus Angst vor Schlimmeren. Aus Furcht vor langfristigen Folgen, wenn es sich zum Beispiel um einen Kollegen oder Vorgesetzten handelt. Aber wir können trotzdem darüber reden, mit Freunden oder der Familie. Um eine Realität für das zu schaffen, was sooft bei uns selbst bleibt und in der Stille die Akzeptanz dieses Problems nährt. Ich denke, dass das Bewusstsein bei Männern und Frauen für dieses Thema grundsätzlich da ist. Für uns, weil wir es erfahren haben und wahrscheinlich auch noch weiter werden und für Männer, die nicht selten Zeuge davon werden oder Opfer kennen. Die Reflexion darüber ist wichtig - um männliches Verhalten zu deuten. Damit wir verstehen, was es mit uns macht und jegliche Art der Belästigung, ob weniger schwerwiegend oder massiv, als solche zu entlarven. Wir müssen anfangen, es nicht nur mit weiblichen sondern auch männlichen Bekannten zu teilen. Denn damit verdoppeln wir die Runde derer, die ein Zeichen setzen können.

Das Schweigen darüber ist etwas, was mich unglaublich wütend macht. Es verharmlost und kehrt das Thema unter den Tisch, wo es definitiv nicht hingehört. Einige der Beschimpfungen, die ich erdulden musste, kamen von Männern, die umringt von anderen standen. Fast immer blieben die anderen Männer stumm. Warum? Weil man den Kumpel nicht bloßstellen möchte? Weil man als Außenstehender keinen Streit vom Zaun brechen will? Diese Passivität ist sicher ein Grund, der meine eigenen Vorurteile bestärkt hat. Es suggeriert einen männlichen Zusammenhalt, der eine gefährliche Botschaft in sich birgt: dass es in Ordnung ist, einer Frau weder auf Augenhöhe noch mit vollstem Respekt zu begegnen, sondern sie stattdessen aufs Niederste zu reduzieren. Und das ist etwas, was ich nicht glauben möchte. Ich möchte daran glauben, dass die Mehrheit der Männer eben nicht dem niederen Instinkt folgt oder ihn unterstützt. Gerade in Bezug auf Themen wie Sexismus und sexuelle Belästigung erwarte ich nicht nur das Auflehnen der Frau, sondern ebenso das des Mannes. Weil es uns beide angeht und wir nur zusammen dieses toxische Verhalten unterbinden können.

Ich bin froh, dass ich in meinem Umfeld von Toleranz und Respekt umgeben bin. Wo Sexismus und Feminismus Themen sind, die diskutiert und reflektiert werden. Aber ich spüre dennoch immer wieder die Grenzen, die diese Thematik aufzeigt. Aus dem simplen Grund, dass die Auseinandersetzung damit fehlt und dadurch die Relevanz des Ganzen gemindert wird. Es ist wie überall: Aufklärung ist wichtig, aber wenn sie nicht stattfindet, bleibt das Problem bestehen und noch viel schlimmer, es wird im Allgemeinen nicht als solches anerkannt. Vorurteile bleiben bestehen. Ich bin es leid, mich aufregen zu müssen. Mich reduzieren zu lassen aufgrund der simplen Tatsache, eine Frau zu sein. Ich will nicht nach Feuer gefragt werden und beim Verneinen ein „Ich find dich trotzdem schön“ zu hören. Ich möchte keinen Vortritt beim Bäcker, nur um danach für 20 Sekunden angeglotzt zu werden. Ich will keine Küsse hinter meinem Rücken hören, wenn ich über die Straße laufe. Ich möchte nicht, dass das anderen Frauen passiert. Ich würde gerne jedem dieser Männer einen Tritt verpassen.

Ich habe keine Lösung gefunden. Aber ich bleibe wütend und ich hoffe, Ihr bleibt es auch. Denn Wut muss man rauslassen und darin liegt unsere Chance: Unsere Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu teilen, schafft weibliche Realität. Eine Realität, die in der Gesellschaft nach wie vor viel zu wenig zu existiert!

Habt Ihr selbst sexuelle Belästigung erfahren? Eure Meinung und Erfahrung bedeutet mir viel. Lasst uns gerne in den Kommentaren darüber reden.
Kommentare

Die Sache mit der Jobsuche: Ihr Profil passt leider nicht zu uns

12.9.17

Das Titelbild ist allen Profilen da draußen gewidmet, denen ich nicht entsprochen habe.  

Neulich Nacht lag ich hellwach da und hätte am liebsten sofort diesen Text geschrieben. Meine Gefühle sind zwischen Wut und Enttäuschung hin und her gesprungen. Zwischendrin hat der Selbstzweifel kräftig gelacht. Wie ein Fiebertraum, wirre Wortfetzen und in flackernder Leuchtschrift oben drüber: Ihr Profil hat uns sehr gut gefallen, aber…


Seit viel zu langer Zeit gebe ich mir jetzt schon diesen Mist. Anschreiben formulieren, Lebenslauf wiederkauen, meine Stärken und Erfahrungen auf dem Silbertablett servieren. Wegschicken, hoffen, warten. Warten. Vorrangig warten. Stundenlange Gespräche führen, sich rechtfertigen müssen für persönliche Entscheidungen. Lächeln. Motiviert sein. Heimkommen. Keine Rückmeldungen bekommen. Absagen bekommen. Und am nächsten Tag aufstehen, Zähne putzen und sich im Spiegel anlächeln. Wegen der Selbstmotivation und so.

Mein Profil ist also meistens nicht passend. Im Kunstunterricht habe ich gelernt, was Profil heißt: Es ist die bildliche Darstellung eines Menschen von der Seite. Irgendwann kam hinzu, dass jeder Mensch eine Schokoladenseite hat. „Immer die in die Kamera halten, dann sehen Sie schöner aus“, so oder so ähnlich hat man mir das mal beim Bewerbungsfoto machen erzählt. Das Foto habe ich dann für meine erste nicht Bewerbung genutzt. 

Die Bezeichnung Profil habe ich dank vieler Stellenanzeigen seitdem in einem anderen Zusammenhang wahrgenommen. Mittlerweile, viele Jahre später und noch mehr Bewerbungen später schreibe ich also Sätze wie: 'Wenn mein Profil Ihr Interesse…bla bla bla'. Ich kann mich dabei selbst nicht leiden. Trotzdem fange ich an, an meinem Profil zu schrauben und werkeln. Lasse es manchmal besser aussehen als es ist - dabei ist es dann nicht besser, sondern einfach nur anders. Anpassung ist der Trick, dann läufts. Keine Ahnung, warum es bei mir nicht läuft. Ich passe mich an, passe mich nicht an. Ich kann mittlerweile beides, in der Theorie versteht sich. Zur Praxis kommt es ja nicht.

Ich will hier gar nicht rumheulen oder Mitleid einheimsen. Dass das so eine schwere Geburt ist, das passiert ja nicht nur mir. Die Gründe dafür liegen nicht nur an Profilen und Anforderungen, die man als einzelnes Individuum nicht erfüllt. Mir kommt nur ab und an etwas Galle hoch, wenn ich lese, was das perfekte Profil für den angebotenen Job erfüllen sollte. Ich für meinen Teil erfülle das nie komplett und damit wird man ja auch immer getröstet: Dass sei ja nur, um einfach das Beste abgrasen zu können. Das ist natürlich klar, aber realistisch sollten wir doch bitte bleiben. In meinem Arbeitsumfeld wäre es den meisten Arbeitgebern am liebsten, wenn ich nicht nur gut schreiben und Fotos machen kann, es wäre außerdem schön,wenn ich Videos schneide, HTML beherrsche und auch etwas von der Pressearbeit übernehmen kann. Weil ich in allem schon jahrelange Erfahrung habe, aber bitte trotzdem nicht zu alt bin für den Job. Es wird immer Menschen geben, die mehr beherrschen als ich. Die mehr Erfahrung haben und auch den Funken mehr Biss. Rational gesehen gar nicht schlimm - bei der Jobsuche allerdings mitunter zermürbend.

Mein Feuerwerk wird noch zünden, daran glaube ich auch weiterhin. Etwas anders bleibt mir letztlich auch nicht übrig, denn nur so schaffe ich es überhaupt diesen ganzen Mist auf dem Weg dorthin auszuhalten. Letztens, als die aktuellste Jobabsage kam, war dieser Glaube kurz wieder weg. Das passiert mir von Zeit zu Zeit und das Gedankendomino kann mir meine berufliche und finanzielle Zukunft dann echt brutal schwarz malen. Der Puls rast, mir ist nach brüllen. Die Enttäuschung rausbrüllen. Die geplatzte Hoffnung ausspucken. Am Ende ziehe ich die Decke über den Kopf und hoffe einfach, dass der nächste Tag kommt. Morgens putze ich Zähne, lächle mich nicht im Spiegel an, aber denke mir: Wenigstens kann du ausschlafen. Und dann gehe ich ins Profil, schaue mir meine Schokoladenseite an und denke: Du bist gut, so wie du bist. Ich fasse an meine andere Gesichtshälfte und sage: Egal mit welcher Seite.







Kommentare

Ein rauher Kuss // Bilder aus Schottland


Ich möchte wieder mehr Bilder mit Euch teilen. In den letzten Wochen habe ich so viel fotografiert wie schon lange nicht mehr und darüber bin ich sehr froh. Den Anfang mache ich aber mit analogen Bildern aus Schottland.

Diese Bilder bedeuten mir etwas und ich mag sie sehr.  Meine Reise nach Schottland gehört zu meinen schönsten Erinnerung an dieses Jahr. Die Zeit dort war befreiend und hat mir viel Kraft gegeben. Die schottischen Uhren ticken anders - langsamer, bewusster und manchmal, so scheint es, ist der Wind die treibende Kraft und sonst nichts. Bis vor ein paar Monaten habe ich mir nie wirklich Gedanken um dieses Fleckchen Erde gemacht. Seitdem ich allerdings aus Schottland zurück bin, vermisse ich es.




















Muse : Eva, die mich auf der Reise begleitet hat.
Canon AE1 mit Kodak Portra 400

Copyright by Christina Vetesnik


Ich freue mich, wenn Ihr mir ein paar Worte schreibt. Darüber, wie Ihr die Bilder findet. Was Euch interessiert. Das alles mit Euch zu teilen ist nochmal schöner, wenn ich Euch ein wenig kennenlerne. Denn darum geht es mindestens genauso sehr! Es würde mich freuen.
________

I would love to get to know you all a little bit more. If you'd like to comment about my pictures or to write about your thoughts - it would be lovely to read your words!  


Kommentare

Baltikum ahoi - Eine Reise nach Riga!

7.9.17

Ich stelle immer wieder fest, dass ich nicht nur im Alltag die kleinen, feinen Dinge besonders mag - auch beim Reisen flattert mir das Herz bei eher unbekannten Reisezielen am meisten. Genau so ist es mir auch mit Riga passiert. Ich hatte die Hauptstadt Lettlands nie wirklich auf dem Schirm, aber seitdem ich dort war, lässt mich diese Perle irgendwie nicht mehr los.


Es war eine spontane Buchung. Ich wollte weg und am liebsten irgendwo hin, wo möglichst wenig Touristen den Charme einer Stadt entzaubern. Der Geldbeutel war schmal, Travelbird meinte es  gut mit mir und schlug einen Städtetrip nach Riga als Tagesangebot vor. Eins kam zum anderen und am Ende wurde aus dem Blind-Date mit Riga ‘ne große Liebe!

Liebevoll, zuweilen schroff und herrlich authentisch - Riga hat einen starken Charakter

Riga ist mit über 700.00 Einwohner echt keine Kleinstadt. Trotzdem verläuft sich alles angenehm und bis auf die viel befahrenen Hauptstraßen, die eine Stadt eben so hat, geht es ruhig zu. Ehrlich gesagt war ich nur zu Fuß unterwegs, was streckenweise etwas anstrengend war. Aber ich kann nicht anders! Weil ich so gerne erkunde, irgendwo reinspitze oder beobachte.





Rigas Stadtbild ist spannend - versteckte Hinterhöfe, traditionelle alte Holzhäuser, dazwischen immer mal wieder Betonsünden und prächtige Jugendstilarchitektur. Ich meine fast, es ist die perfekte Mischung. Hinzu kommen die lieben Rigaer selbst! In der Altstadt muss man sie suchen, deswegen unbedingt durch die anderen Viertel streunern. Oder auf den Wochenmarkt gehen.






Ein paar Lieblingsorte habe ich für Euch - den Rest entdecken Eure Füße von ganz alleine. Und im Notfall gibt's immer noch den Bus.

Rigaer Zentralmarkt // Nēģu iela 7, Latgales priekšpilsēta, Rīga, LV-1050 - Montag - Sonntag


Hingehen - unbedingt! Dort tummeln sie sich, die Rigaer und das von Montag bis Sonntag. Das Kontrastprogramm zur fein geputzten Altstadt ist großartig. Die vielen kleinen Stände regionaler Gemüsehändler, Bäckereien, Fischverkäufern, Floristen, Metzgern, Einzelhändlern etc. zeigen ein so lebendiges Bild von Riga. Sich unter die Bewohner zu mischen und Mäuschen sein geht hier sehr gut.



Lettische Akademie der Wissenschaft // Akademijas laukums 1, Riga, LV-1050



Einmal rauf in den 16. Stock, zwei weitere Stockwerke zu Fuß. Am Ende wartet die Aussichtsplatform der Lettischen Akademie der Wissenschaft mit Blick über Riga. 

Das Gebäude an sich ist schon ein feiner Blickfang - Ende der 1960 gebaut, erinnert es an alte Wolkenkratzer und steht wie ein Fels zwischen den vielen kleinen Häusern drum herum. Oben ist es auch sehr nett. Die Aussicht macht deutlich, wie groß Riga ist und dass da ja auch noch Wasser ist!

Moskauer Vorstadt
Mit der Lettischen Akademie als Wahrzeichen, ist die Moskauer Vorstadt ein etwas schrofferes Viertel. Ich mag genau das aber besonders gern. Plattenbauten und einfache Holzhäuser. Manche davon stehen schon eine Weile leer, viele sind Zeitzeugen und erzählen ihre eigenen Geschichten. Der Kontrast zur hübschen Altstadt ist hier prägend, aber erst dadurch wird Riga zu einer runden Sache. Die Ecken und Kanten gehören eben auch dazu!

Parks in Riga
Gerade bei Städtetrips finde ich eine kleine Auszeit im Park beruhigend und die Batterie kann wieder geladen werden. Der Bastion Hill Park z.B. hat viele kleine Brücken, Pavillions und einen Kanal, der sich durch das Grün schlängelt. Zur Blütezeit ist es dort bestimmt nochmal schöner, als sowieso schon. 

Eine feine Einkehr könnt Ihr im Pagalms machen (Kronvalda Boulevard 2B, Central District, Riga, LV-1010). Mit ganz viel Holz innen und außen, am Kanal. Leckeres Essen und Snacks!

Art Nouveau Viertel und Museum


Fast 800 Jugendstil Villen gibt es in Riga. Manchmal geballt auf einen Haufen, wie nordöstlich vom Kronvaldpark oder verstreut. Jedes Haus für sich ist so hübsch anzusehen und wer diese Architekturepoche mag, muss sowieso einmal in Riga gewesen sein.


Das Art Nouveau Museum ist klein und fein - mit einem Rundgang durch eine Wohnung in kompletter Jugendstil Einrichtung und echten Statisten in viktorianischer Kleidung. Das klingt vielleicht erstmal too much, aber so kitschig wie es scheint, ist es nicht! Gesagt sei trotzdem, dass das Museum eher für die absoluten Jugendstil Liebhaber ist. Die werden aber auf jeden Fall verzaubert sein!



Süßes und Salziges - Riga macht kulinarisch glücklich!

Vorab hatte ich schon einige Cafés und Restaurants recherchiert. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber dadurch steigt meine Vorfreude noch mehr bzw. hilft mir das Suchen nach tollen Orten, die Vorfreude überhaupt auszuhalten. :)
Hier kommen meine Favoriten, allesamt nicht nur verdammt lecker, sondern auch hübsch anzusehen.

ARBOOZ CAFE //  Dzirnavu iela 34A, Centra rajons, Rīga, LV-1010 - www.arbooz.lv  

Perfekt gelegen, nämlich gleich um die Ecke von meinem Hotel, ist Karina Krasovitskas Arbooz Café morgens meine erste Adresse gewesen. Frische und selbst gemachte Macarons - in den schönsten Farben und unglaublich lecker. Jeden Tag frisch, mit immer wechselnden Kreationen. Es gibt aber auch Cupcakes, Marshmallows, Tee und Kaffee. 




Was ich besonders mag: Die Liebe zum Backen. Die schmeckt man und das Talent dahinter ebenso. Gute Macarons sind eine Kunst - bei Karina wird man nicht enttäuscht. Die hübschen Pantone Tassen waren außerdem ein kleiner Liebling im Arbooz Café!




MĀKONIS // Stabu Street 42, Central District, Riga, LV-1011 www.makonis.eu

Wer eine Wolke als Logo wählt, der ist bei mir an sich schon hoch im Kurs. Überzeugt haben mich am Ende aber die Kuchen, die Speisekarte und die Einrichtung im Mākonis. Für mich gab es an diesem Nachmittag nur etwas Süßes, das war aber so lecker, dass nochmal nachbestellt wurde. Am Nebentisch bestellte sich jemand ein Hauptgericht und ich bekam große Augen. Es sah köstlich aus. 



Was ich besonders mag: Meine Teetasse hatte eine Wolke darauf. Der Tee selbst war aber mindestens genauso gut, ebenso die frisch gemachten Süßspeisen. Große Fenster mit Blick auf die schönen Altbauten gegenüber, ganz wunderbares Personal. Es schüttete in Eimern, als ich meinen Kuchen aß, die Wolkentasse in der Hand hielt und Tame Impala im Hintergrund sang - ich fühlte mich wohl!


VEST // Stabu Street 1, Central District, Riga, LV-1010 facebook.com/VestRiga/

Instagram made me visit it. In diesem Fall haben die Bilder, die ich entdeckt hatte, die Erwartung ans Vest bestätig. Ziemlich coole Einrichtung, aber nicht zu hip. Die Karte las sich gut - um ehrlich zu sein, habe ich vergessen, was ich mir ausgesucht hatte. Zum Nachtisch gabs aber Karottenkuchen, so viel weiß ich noch. Mein Bäuchlein war auf jeden Fall glücklich.

Was ich besonders mag: Ein großer Raum mit vielen Tischen. Es wurde eifrig geredet, viel gelacht - die Atmosphäre war gelöst und zufrieden. Das hat angesteckt und aus einem Glas Wein wurden zwei.


FAZENDA BAZARS // Baznīcas iela 14, Centra rajons, Rīga, LV-1010 - www.fazenda.lv

Kulinarisch definitiv mein Liebling! Das Essen und der Abend im Fazenda waren wunderbar. Die Zutaten sind regional, saisonal und gut für die Seele. Die Kunst des Kochens zeigt sich, finde ich zumindest, wenn wenig Zutaten perfekt kombiniert werden. Das traf sowohl für die Haupt- als auch die Nachspeise zu. Neben der Küche gibt es nämlich auch noch eine hauseigene Bäckerei/Konditorei. Dazu gab es einen feinen Wein und sehr bequeme Stühle. So ist auch der Rest der Einrichtung - gemütlich, verspielt und ein klein wenig kunterbunt. 




Was ich besonders mag: Selten bin ich so seelig aus einem Restaurant gegangen. Die Gerichte haben eine ganz eigene Note - im Fazenda wird mit Appetit und gleichzeitig feinem Sinn für Geschmacksnoten gekocht. Und das alles für einen schmalen Geldbeutel wie meinen. Für mich ein Muss bei meinem nächsten Riga Besuch!


TRUSIS // Dzirnavu iela 43, Centra rajons, Rīga, LV-101

Im Trusis lässt es sich wunderbar Frühstücken und Mittagessen. Vieles gibt es auch zum Mitnehmen, aber da es dort so gemütlich und lecker ist, spricht nichts gegen ein Verweilchen!


KUUKA CAFE // Grēcinieku iela 5, Centra rajons, Rīga, LV-1050 - www.facebook.com/KuukaKafe

Das Kuka Cafe liegt mitten in der Altstadt und ist neben den traditionellen und naja, sagen wir mal touristisch angehauchten Lokalitäten ein gemütlicher Ort, um sich auszuruhen. Eine kleine Stärkung zwischendurch klappt hier ganz wunderbar, auch vegan und vegetarisch. 




Was ich besonders mag: Der Platz am Fenster! Mit vielen Kissen, schön weich und lauschig auf die niedliche Altstadtgasse gucken. Ich habe dort ziemlich lange gesessen bzw. halb gelegen! :)



ART CAFE SIENNA // Strēlnieku iela 3, Centra rajons, Rīga, LV-1010 - www.sienna.lv

Oh, das Art Cafe Sienna! Ein so besonderes Flecken habe ich selten gesehen. Genau gegenüber vom Rigaer Art Nouveau Museum geht die Zeitreise im Cafe gleich weiter. Die Einrichtung ist zu großen Teilen original Jugendstil - so edel und alles zum Anfassen und Sitzen. Die filigranen Törtchen und Gebäcke sind genauso kunstvoll wie das Interieur. Am besten eine große Kanne Tee bestellen, sich ein süßes Glück aussuchen und Platz nehmen. Genug Bücher zum Schmökern gibt es auch - darunter Kunstbände zu allen Epochen. Zugegeben, günstig ist es im Art Café Sienna nicht gerade, aber zumindest ein Blick hinein solltet Ihr werfen.


Was ich besonders mag: Die Teekarte! Im Café Sienna habe ich meine Liebe zu Jasmin-Tee entdeckt. Und das Geschirr muss auch erwähnt werden. Wenn Ihr zarte Porzellan Teller und Tassen genauso mögt wie ich, dann seid Ihr dort im Himmel.


Zum Abschluss noch meine Checkliste für den nächsten Riga Städtetrip :

- Ein Besuch auf der Halbinsel Kīpsala: Kopfsteinpflaster, Holzhäuser und Hafenblick
- Ein Ausflug nach Jūrmala: Kurort am Meer mit einem tollen Seepavillon aus alten Zeiten
- Noch mehr Cafés besuchen und Kuchen essen: davon gibt es in Riga so viele!

....und jetzt, wo mein Post fertig, ist, will ich da wieder hin. Wer kommt mit?  


Copyright by Christina Vetesnik

Kommentare

Jeder hat ein Trauma, das bleibt - Das ist meins.

3.9.17


Kennt ihr das:  Die Gedanken spielen Ping Pong, eins kommt zum anderen und am Ende steht eine Erinnerung, die bewusst verdrängt wird, weil sie weh tut? Jeder hat ein Trauma, das bleibt. Das ist meins:

Im Radio läuft Anastacia. Ich denke an Sarah, mit der ich lange Zeit befreundet war. Sie mochte Anastacia - ich nie. Sarah lief immer mit mir zur Schule. Anne lief auch immer mit. Ich denke an sie. Daran,dass ihre Augen früh am Morgen immer tränten. Daran, dass Ihre Pulloverärmel immer ein klein wenig zu lang waren, damit sie ihre Hände darin wärmen konnte. Denke daran, dass sie nicht mehr da ist.  Ping Pong spielen ist endlos, wenn es um Gedanken geht. Ein schmerzender Fetzen führt zum nächsten und ich denke an Daniela. Die ersten Kastanien sind schon gefallen, wir haben sie oft zusammen gesucht. Die Erinnerungen reihen sich immer schneller aneinander, die Namen, die in mir klingen, das Radio, das immer noch Anastacia spielt. Eigentlich wollte ich doch nur Wimpern tuschen. Und während sich da Löcher in mir auftun, kleine Steine in meinen Magen plumpsen und mich kneifen, verfehle ich den unteren Wimpernkranz. Ich kleckse, die Tusche klumpt. Alles versaut. Ich wische das schwarze Disaster mit einem Wattestäbchen weg. Ganz vorsichtig. So, das am Ende alles so aussieht, wie es soll.

20 Minuten später sitze ich hier und schreibe. Mein Bus, den ich nehmen wollte, ist weg. Die Macarons, die ich mir holen wollte, werden an jemand anderen gehen. Mein Trauma hat mich wieder eingeholt und ich frage mich, ob jeder so ein Trauma hat. Über die schwarzen Tage redet man nicht. Eher über die Stressigen, die Langweiligen, die Supertollen oder die Enttäuschenden. Das ist schon eine ganze Menge und genau so fühlt sich das Leben oft an. Aber das gemeine an Traumas ist, dass die nie weg gehen. Sie kleben manchmal an unseren Mundwinkeln, schmerzen im Knie, pochen im Kopf und ziepen in den Fersen. Eher selten, aber immer dann, wenn man es am wenigstens erwartet, kriecht das Trauma in den Kopf. Stürmt einmal durch die Gedankenregale, haut alles kurz und klein und ist sich keiner Schuld bewusst. Wie auch - es kann nichts dafür, dass es entstanden ist.

Ich bin 23, als Daniela stirbt.Wir kannten uns seit dem Kindergarten. Zwei Jahre später stirbt Anne. Sie wohnte in meiner Straße. Ich mochte beide sehr. Ich frage mich manchmal, wie ich die Jahre danach verbrachte hätte, wenn das nicht passiert wäre. Ich frage mich manchmal, wie ich die Jahre danach überhaupt verbracht habe. Der Tod ist das Abstrakteste, das es gibt. Bis man ihm begegnet. Das Verrückte ist doch, dass er vielen von uns so fremd ist, obwohl er jeden Tag passiert. Vielleicht im Haus neben uns, sicher aber in den Nachrichten, den Zeitungen. Und über allem schwebt dieser dunkle Dämon der Angst, dass es jemanden trifft, den wir lieben. Am Ende des Tages schweigen wir darüber. Leugnen ihn. Nicht viele möchten reden - darüber, dass Menschen sterben. Dass man sich davon nicht erholen kann, aber lernt damit zu leben. Dass Trauer wichtig ist und irgendwann jeder von uns ihr begegnen wird. Ist das Schweigen Selbstschutz oder Verdrängung? Ist das gut so oder der falsche Weg? In all den Jahren nach dem Tod meiner Freundinnen treffe ich nicht oft auf offene Ohren. Da ist viel Mitleid, Entsetzen aber vor allem Hilflosigkeit, die nicht selten zum Rückzug führt.  Irgendwann habe ich aufgehört, darüber zu reden. Weil die Angst des Gegenüber mit den ersten paar Sätzen meiner Geschichte mir förmlich ins Gesicht brüllt.

Ob ich anders mit dem Tod umgegangen wäre, wenn ich mehr über ihn gewusst hätte? Wenn Geschichten über das Abschied nehmen und trauern den Weg meiner Akzeptanz dafür geebnet hätten? Aber welcher junge Mensch mit Anfang oder Mitte Zwanzig entscheidet sich schon bei der Frage nach Auseinandersetzungen mit dem Leben für den Tod. Wenn alles möglich ist, ist das Ende davon keine Option. Aber was ist mit jenen, die durchs Raster fallen? Denen genau dieses Ende begegnet. Ich wollte nie, dass mir das passiert. Ich wollte nie mit 23 Jahren den Sinn des Lebens in Frage stellen und zu keinem Ergebnis kommen. Dass es mir zweimal passiert ist, hat es nicht besser gemacht. Es hat alles verändert. Und mich am Ende zu einem großen Teil zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Meistens kann ich alles gut zusammenhalten. Ich habe begonnen wieder mehr darüber zu reden. Auch mit Menschen, die ich neu kennenlerne. Das geht nicht immer, aber je älter wir alle werden, desto öfter findet sich bei Manchen ein Zugang zu dem Thema. Irgendwie habe ich gelernt damit zu leben - mit dem Vermissen, den Momenten der Sinnlosigkeit des Ganzen, mit der Angst. Am Ende ist das etwas, was uns alle früher oder später verbindet. Weil keiner von uns dem Tod ewig ausweichen kann. Ich wünschte nur, wir würden öfter darüber reden. Über die Ängste, die das Sterben eines geliebten Menschen mit sich bringt. Den Tod aus seiner dunklen Kammer holen, ihn mit Worten und Erfahrungen realer machen. Damit wir merken, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Und dass wir, auch wenn die Trauer nur uns selbst betrifft, nicht alleine sind. Weil wir alle jemanden vermissen und vermissen werden.

Für Daniela, Anne und all die Anderen.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Thema Tod? Fehlt es Euch an der Auseinandersetzung damit oder ist es für Euch besser so? Schreibt gerne in den Kommentar Eure Meinung oder persönliche Erfahrungen.


Copyright by Christina Vetesnik

Kommentare
© Sanftmut und Herz • Theme by Maira G.